Von Designer in der Automobilindustrie zur handgemachten Tasche
Als Kind waren Autos alles für mich. Wann auch immer ich mich hinters Lenkrad setzte, spürte ich Leidenschaft – in den Linien, im Material, und vor allem dann, wenn das Auto mit einem Schlüsseldreh zum Leben erwachte. Ich konnte die Ingenieure und Designer spüren, die etwas von sich selbst haben einfließen lassen. Ich hatte damals kein Wort dafür. Ich wusste nur: Manche Autos hatten es, manche nicht.
Schon in der Schule fing ich an Autos zu zeichnen. Meine Hefte waren voll davon, und meine Birne war noch voller.

Also folgte ich dem Traum Automobildesigner zu werden. Ich studierte Transportation Design in Pforzheim, damals einer der renommiertesten Studiengänge weltweit, und lernte das Handwerk.
Aber die Fachhochschule lehrte mich auch etwas anderes. Es ginge um die Skizze, nicht um das Produkt. Es ging um den Ausdruck von Bewegung, die Form, die man einfangen wollte, das Thema. Die beste Visualisierung gewann den Wettbewerb. Die eigene Präsentation zu perfektionieren zählte mehr, als etwas Reales zu schaffen.
Ich wollte nie hübsche Bilder machen. Ich zeichne nicht einmal besonders gern. Für mich war eine Zeichnung (und ist bis heute) immer nur ein Mittel, eine Idee zu kommunizieren; etwas aus meinem Kopf in den eines anderen zu bewegen.
Ich spezialisierte mich auf Interieurdesign, weil mich das Zusammenspiel von Mensch und Maschine in dem Kontext mehr interessierte, und weil es sich näher an Produktentwicklung anfühlte als am Bildermachen.

Ich begann meine Karriere im Volkswagen Design Center in Potsdam (dort, wo der XL1 entworfen und entwickelt wurde). Ich arbeitete an vielen Projekten und lernte enorm viel von Menschen, die weitaus talentierter waren, und auch in dieser Realität besser klarkamen als ich.
Mein absolutes Lieblingsprojekt war ein Sitzkonzept, das ich entworfen und mit einem grandiosen Team entwickelt haben: ein vollständig flexibler, aktiver, 3D-gestrickter, ultraleichter Sitz, der als Kommunikationsgerät zwischen Mensch und Maschine funktionieren sollte. Nach unseren ersten handgefertigten Prototypen und einigen Patenten griffen Volkswagen Group Innovation und Porsche das Konzept auf, und ich führte es vier Jahre lang durch mehrere Iterationen.
"The Living Seat"
Es wurde nie etwas daraus. Die Arbeit, die unser Team geleistet hatte, so viel Herzblut, landete am Ende im Papierkorb. Ich musste auf die harte Tour lernen, dass zu viel, und zu schnelle Veränderung in der Supply Chain, auf einem Tanker mit 650.000 Passagieren nicht funktioniert (so viele arbeiten circa im VW Konzern).
So bröckelte mein Traum vor sich hin. Die Branche veränderte sich, unser Studio veränderte sich, und die Gründe, warum wir Autos bauten, wurden ziemlich vage. Eine strahlende Zukunft wich Angst, verlorener Identität und Gier. Ich fühlte mich fast schon verraten von einem Traum, den es in der Realität nicht mehr gab. Eine Zeit lang redete ich mir ein, ich sei zu spät für das goldene Zeitalter des Autodesigns geboren. Heute weiß ich es war simpler als das: Ich wollte das Spiel einfach nicht mehr mitspielen.
Ich begann mich zurückzuziehen, indem ich eine konzerninterne Storytelling-Agentur gründete. Ich nutzte meine Liebe zum Film und etwas Erfahrung im Drehbuchschreiben, um Projektvideos zu machen. Ich lernte Dinge von Grund auf, war verantwortlich für Vision und Umsetzung zugleich. Gleichzeitig war mein Kopf vorm Zerfall ringsherum geschützt. Aber die wichtigste Erfahrung war, keinen Chef mehr über mir zu haben.
Der Zerfall zeigte sich konkret Ende 2024, als unser Studio geschlossen und wir alle entlassen wurden. Ich hatte dort mehr als zehn Jahre gearbeitet, aber es ging mir irgendwie gut. Mein Unterbewusstsein hatte sich schon jahrelang auf diese Realität eingestellt, und all dies kam wie eine Erleichterung. Ich schätze mich sogar glücklich; ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, von selbst zu kündigen.
So kann das Leben eben auch sein: aus der Geborgenheit der Volkswagen-Mutterbrust gerissen und aus ihrem Haus geworfen zu werden. Bis dahin hatte ich ein sorgloses Leben genossen – gutes Elternhaus, gute Freunde, gute Ausbildung, ein gut bezahlter Job. Privilege. Danke dafür, übrigens. Ernsthaft.
Mein Unterbewusstsein reichte mir also eine fertige Gussform, und ich wusste sofort, was zu tun war. Ich wollte mein eigener Chef sein. Ich wollte meine zwei Hälften, Produktdesigner und Geschichtenerzähler, in eine Sache zusammenführen. Und ich brauchte eine neue Herausforderung.
Ich startete mit dem klassischen Entrepreneur-Productivity-Bro-Programm: Lernen, lernen, lernen, alles über Business, Geld, Outsourcing lesen (während ich versuchte, die toxische Seite davon im Zaum zu halten). Ich entschied mich für Taschen, zack, weil ich aus irgendeinem Grund von diesen Dingern besessen bin, und Besessenheit fühlte sich wie ein solider Ausgangspunkt an.

Ich wollte außerdem nähen lernen. Ich wollte meine eigenen Prototypen bauen. So wüsste ich, wovon ich rede, wenn ich mit Fabriken verhandle.
Dann änderte sich schon wieder alles. Ich fand reine Freude daran, Taschen von Hand zu machen. Diese ersten Prototypen, lediglich ein Schritt, eine Idee besser zu kommunizieren, wurden zu fertigen Produkten. Ich bin Perfektionist, ich verliere mich in jedem Detail: wie sich die Tasche im Gebrauch verhält, wie man sie hochwertig bauen muss, und vor allem, wie sie sich in der Hand anfühlt. Ich war so stolz, etwas in den Händen zu halten, das ich immer haben wollte, aber nirgendwo kaufen konnte.
Der eigentliche Game Changer für den Prozess ist aber, dass ich die Taschen nicht nur baue. Handwerk beschränkt sich gewöhnlich nur auf die Herstellung der Sache. Aber woher kommt der Schnitt? Woher kommen die Ideen? Design ist jede Entscheidung, die zum fertigen Objekt führt; und normalerweise wandern diese Entscheidungen in der Industrie durch eine ganze Kette von Menschen. Ein Designer zeichnet detaillierte Anweisungen für einen Schnittkonstrukteur; beide begleiten dann eine Fabrik zu dem, was sie sich vorgestellt haben. Und das ist ein vereinfachtes Beispiel. Bei jeder Übergabe geht etwas in der Übersetzung verloren.
Diese Aneinanderreihung von Menschen gibt’s bei mir nicht. Ich kann eine einzelne Linie zeichnen, genau verstehen, was sie bedeutet, und direkt zur Nähmaschine gehen. Zwischen Idee und Objekt geht nichts verloren. Das ist totale Kontrolle, und ich liebe es.
Und ich glaube, das spürt man, wenn man die Tasche trägt. Genau wie ich es als Kind hinterm Lenkrad gespürt habe: dass jemand da war, dass jemand sich gekümmert hat, dass jemand sich dafür aufgeopfert hat. Das ist der zentrale Punkt. Dafür mache ich das.
Ich bin jetzt Taschenmacher. Ich mache für die, die etwas Persönliches wollen, von Hand gefertigt, in einer kleinen Werkstatt, zu Hause, in Potsdam.




