Ein tiefer Einblick in die Produktentwicklung - Die MARTL Sacoche

Ein tiefer Einblick in die Produktentwicklung - Die MARTL Sacoche

Vor einem Jahr habe ich einen tiefen Einblick in die Designentwicklung der MARTL veröffentlicht, die ich damals noch Undercover Sacoche genannt habe. Damals war sie noch nicht fertig – jetzt aber, und ich dachte, es wird Zeit, die letzte Phase hinzuzufügen.

Ich möchte dich durch den gesamten Designprozess der MARTL führen. Eine super-schlanke Sacoche, die sich aber wie ein Fächer öffnet. Es ist ein unkonventionelles Design, eine Form, die um ein bestimmtes tägliches Trageminimum herum gebaut ist.

Wir tauchen tief ein: es geht darum die richtigen Fragen zu stellen, um das Lösen von Problemen, die technische Entwicklung und um das Wichtigste; das Treffen von Entscheidungen. Dazu gehört das Austarieren von Intuition und ganz einfach Logik.

Phase 1

Die Inspiration für die Sacoche kam aus zwei Richtungen:

  1. Es gibt immer noch keine elegante und gleichzeitig unauffällige Art (ich spreche hier für Typen wie mich), die wichtigsten Dinge für den Alltag zu tragen.

Mein wichtigster ist mein Handy. Ich habe ein Max Pro Super Riesen Gerät, das ich nicht gern in der Hosentasche trage; manchmal mache ich es trotzdem, aus Bequemlichkeit, aber es ist einfach zu groß. Als natürliche Reaktion darauf ist mein Portemonnaie über die Jahre geschrumpft, trotzdem sind mein Perso, Führerschein und die Bonuskarte von meinem Stamm-Burgerladen immer noch essentiell. Und dann sind da noch die Schlüssel—diese klobigen Dinger. Warum werden Autoschlüssel eigentlich immer größer? Und worauf ich nicht verzichten kann: Musik. Ich verlasse das Haus nie ohne zumindest kleine Kopfhörer.

Der Massenmarkt hat sich dem Zeitgeist angepasst und verkauft Taschen wie diese:

Einer meiner ersten Ansätze einer Bauch-/Umhängetasche.

Ich mag sie, und habe sie selbst viel getragen—aber manchmal sehen sie einfach bescheuert aus. Und ich weiß nicht, einen Reißverschluss direkt unterm Kinn zu öffnen fühlt sich komisch an und sieht auch so aus.

  1. Irgendwann in London, habe ich diese Tasche gefunden:

Der Verschluss fasziniert mich immer noch. Er ist nicht besonders praktisch (vor allem, wenn der Gürtel so mittendurch läuft), aber die Tasche zu benutzen macht einfach Laune. Es erinnert mich an das Gefühl, wenn man das Case von Apples AirPods zuschnappen lässt—einfach befriedigend. Natürlich wollte ich dieses Prinzip irgendwie, irgendwo adaptieren.

Also, was soll diese Tasche können?

  • Ein (großes) Smartphone tragen
  • Ein kleines Portemonnaie
  • Schlüssel
  • So etwas wie AirPods
  • Schutz bieten
  • Die Möglichkeit, das Handy genauso schnell zu greifen wie aus der Hosentasche
  • Ein schlankes Profil, damit sie unter einer Jacke sitzen kann
  • Keine taktisch/funktionale Ästhetik—etwas Simples, Elegantes, das Freude bei der Benutzung macht

So würde ich es jetzt beschreiben. Aber vor Wochen, als ich mit dem Design dieser Sacoche angefangen habe, wollte ich auch noch Platz für ein kleines Notizbuch und einen Stift. Ich habe mir sogar vorgestellt, dass ein größeres Portemonnaie reinpasst. Ich dachte: Menschen sind unterschiedlich, und die Tasche sollte Flexibilität bieten. Aber Inspiration kommt selten als eine einzelne Idee—man muss anfangen zu bauen und schauen, wohin einen Ausprobieren und Testen führen.

Phase 2

Grobes Prototyping

Ausnahmsweise habe ich das Projekt damit begonnen, meine wichtigsten Dinge auf den Tisch zu legen und Stoff darum zu wickeln. Normalerweise starte ich mit schnellen Skizzen, um Form und Funktion zu erkunden. Aber diesmal sagte mir mein Bauchgefühl, direkt ins physische Prototyping einzusteigen. Ich musste mit echten Objekten spielen, sie zur kompaktesten und zugänglichsten Form zusammenbauen, Tetris quasi.

Dieser Prozess führte zu ein paar interessanten Zufällen. Zum Beispiel habe ich entdeckt, dass das Falten der Taschen statt sie ans Futter zu nähen, diese sanften Übergänge schafft: 

Der nächste Prototyp.

Wenn man die Hand reinsteckt oder irgendein komisch geformtes Objekt herauszieht (ich schaue dich an, Schlüssel), gibt es keinen Widerstand, keine Kanten wo was hängenbleiben kann. Nichts Umständliches. Klingt nach einer Kleinigkeit, aber nach einer Weile mit den späteren Prototypen fühlt es sich einfach butterweich an. Bonus: Diese Methode hilft auch bei der Produktion. Ich brauche nur ein Stoffmuster, und die Z-Faltung erlaubt mir, später von der anderen Seite Polsterung hinzuzufügen.

Die ersten Prototypen definierten auch das zentrale Thema: Die Tasche öffnet sich wie ein Fächer. Deine Essentials werden geordnet, fast zeremoniell präsentiert.

Und wie schließt sie sich? Schwerkraft. Genau wie die London Bag—sie schließt sich von selbst.

Das sind die schönsten Momente im Design, wenn Inspiration sich nach getaner Arbeit richtig anfühlt. Auch wenn man weiß, dass noch Hürden vor einem liegen und bestimmte Details knifflig zu lösen sein werden, strahlt es: Du hast hier etwas!

Eine der kniffligen Stellen: Der Fächer musste sowohl gut aussehen als auch sich sauber nach innen falten. Ich wollte außerdem so viele Nähte wie möglich verstecken. Mein erster Versuch, einfach an den Kanten annähen, funktionierte also nicht.

Ich musste sie mit in die äußere Hauptnaht einnähen, um ihnen eine Richtung aufzuzwingen, und sie nach dem Wenden der ganzen Tasche miteinander zu verbinden. Kannst du folgen? Ich könnte noch weiter erzählen, wie ich den Fächer stabilisiert habe, aber ich glaube, du würdest dabei einschlafen...

Mit dem zweiten Prototyp fertig, fühlte ich mich sicher genug, es mit richtigen Materialien zu versuchen.

Das war das erste Mal, dass ich mit italienischer Wolle gearbeitet habe. Sie repräsentierte das Gefühl und die Qualität, die ich mir für Geist vorgestellt habe. Wie bei den meisten meiner fortgeschrittenen Prototypen ist das Außenmaterial Polsterstoff—robust, gemütlich, taktil.

Die Idee, denselben Gurt für Verschluss und Tragen zu benutzen, funktioniert nicht. Nicht wegen Zugänglichkeit oder Sicherheit, sondern weil das Öffnen den Gurt verkürzt, wodurch die ganze Tasche Richtung Kinn hochrutscht. Nach dem Handy zu greifen fühlt sich (und sieht wahrscheinlich auch so aus) total umständlich an.

Auch die Form ging daneben—sie sah einfach zu groß aus. Und ein bisschen... langweilig. Mein Alleskönner-Ansatz und meine selbsternannte technische Raffinesse haben die Proportionen und die ursprüngliche Idee verwässert. Ehrlich gesagt fühlte es sich unangenehm an, sie zu tragen. Also ging sie unter die Weste—nicht aus Zurückhaltung oder Stil, sondern aus Scham.

Konsequenterweise habe ich daraufhin das Land verlassen und meine Existenzberechtigung infrage gestellt:

Manchmal muss man sein Unterbewusstsein die Arbeit machen lassen. Es ist wie beim Training: Während der Erholung passiert die Magie. Ich befürchtete, dass ich während eines Monats Auszeit alles vergessen würde, was ich in den letzten 6 Monaten gelernt habe. Aber das Gegenteil war der Fall—mein Kopf fühlte sich klarer an, meine Schritte gezielter, und Kreativität kam wieder auf natürliche Art und Weise.

Phase 3

Drei Hauptsachen mussten sich ändern:

  1. Das Gurt-Problem lösen, ohne den einzigartigen Verschluss und die Fächerbewegung zu verlieren.
  2. Sie deutlich kleiner machen—nur Platz für die eingangs erwähnten Essentials.
  3. Dickere Stoffe ausprobieren, um zu sehen, ob sich Polsterung einsparen lässt.

Hier ist die vierte Version, die dabei herauskam:

Jetzt gibt es zwei Gurte. Einen zum Tragen—eingehängt in die oberen Schlaufen (jetzt nicht mehr aus Metall, wegen Gewicht und Einfachheit). Der zweite Gurt läuft durch die Schlaufen und den Rücken hinunter und bildet einen Hängegriff.

So öffnet man die Tasche wie zuvor—aber zum Schließen zieht man den Griff nach unten, und Magnete sollen den Rest erledigen (in diesem Prototyp noch nicht ;).

Zuerst dachte ich: Ist das nicht zu komplex für so eine kleine Tasche? Es stellte sich aber heraus, dass es tatsächlich bequemer und schneller ist als ein Reißverschluss an einer Bauchtasche.

Und du könntest denken: okay, aber was ist mit Diebstahl, oder Regen, oder was auch immer. Fair. Aber die Nutzung ist wirklich befriedigend und einzigartig. Design bedeutet, es zum Funktionieren zu bringen und gründlich zu testen—im echten Leben.

Aber... die Materialien.

Sie sahen falsch aus, und sie waren viel zu steif. Sie in diese kniffligen kleinen Ecken zu falten, hat mir fast die Finger gebrochen. Und der Griff sieht eher aus, als wäre er ausgeschieden statt erschaffen worden.

Außerdem ist die Form immer noch daneben, sie ist immer noch langweilig, unschön und es fehlen Details. Auch das Layout stimmt noch nicht. Ein großes Handy sitzt zu nah an der oberen Öffnung, sodass die Magnete (die der Aufgabe ohnehin nicht gewachsen waren) im Grunde das tun…

Also: zurück zu dünneren Materialien für mehr Präzision, plus strategisch platzierte Polsterung (wegen: Schlüssel und Handys). Das Layout braucht ein paar kleine Anpassungen, und ich werde testen, ob ein Seil der bessere Griff ist. Ich glaube, das passt besser zur Oberseite der Tasche als die breiten Bänder.

Phase 4

Der fünfte Prototyp

Ich war mit der Form immer noch nicht zufrieden. Das passiert halt, wenn man am Anfang des Designprozesses das gute alte Skizzieren überspringt—man zahlt später dafür.

Trotzdem gibt es etwas an dieser Tasche, das mich reizt. Zum Beispiel bin ich besonders stolz auf den Übergang vom Außenstoff zum Innenfutter:

Vielleicht lässt die richtige Materialkombination die einfache Form erst richtig zur Geltung kommen. Ein sichtbares Muster vielleicht, das den nötigen Detailgrad liefert. Hmm...

Phase 5

Zurück an den Zeichentisch

Die Skizze unten rechts war die wichtigste im gesamten Designprozess.

In der Automobilindustrie haben wir immer von Key Sketches gesprochen, wann immer ein Entwurf den Charakter des Produkts eingefangen hat. Diese eine oder mehreren Key Sketches blieben an der Wand hängen, selbst wenn glänzende Renderings oder polierte Modelle im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen. Aber im Zweifelsfall fungierten sie als Nordstern, der einen wieder auf Kurs brachte.

Meine Key Sketch für die MARTL könnte wohl kaum einfacher sein. Flügel, die den Sling-Gurt aufnehmen und der Tasche eine unverwechselbare Form geben, die ihr bisher völlig fehlte. Das gesamte Erscheinungsbild schreit nicht mehr Schaffner-Tasche (wie meine Partnerin liebevoll meine ersten Prototypen genannt hat). Eine leichte Überlappung des Deckels macht die Tasche einfacher zu öffnen und schützt das Innenleben.

Der finale Prototyp

Das andere Detail, das ich umsetzen wollte, war, die Zugschnur innerhalb der Tasche verlaufen zu lassen. Das macht die Tasche natürlich aufwendiger in der Herstellung, sieht aber deutlich cleaner aus und ist auf lange Sicht einfach robuster.

Die finale Tasche, die ich auf meiner Website verkaufe (Link), ist dem Prototyp aus den Bildern oben sehr nahe. Ich habe ein paar davon an Testerinnen und Tester geschickt und musste nach dem Feedback nur noch kleine Details verbessern.

Die MARTL hat sich zu einer Tasche für Minimalisten entwickelt. Sie bietet Platz für ein Smartphone, ein schlankes Portemonnaie und Schlüssel. Das war's, und das ist Absicht. Mehr muss man eigentlich nicht mit sich rumtragen. Wenn du unsicher bist, ob dir das reicht, würde ich dir die JIRO empfehlen.

Ich bin wirklich, wirklich glücklich damit, was aus der MARTL Sacoche geworden ist, und ich bin super gespannt, sie in euren Händen zu sehen und wie sie Teil eures Alltags wird.

Ich stelle mir vor, dass diese Tasche unter einer offenen Jacke oder einem Shacket gut funktioniert. Gerade heutzutage, wo Männer um meiner Generation herum offensichtliche Dekoration eher vermeiden, könnten kleine, durchdachte Details wie dieses genau die richtige Prise Persönlichkeit zu einem sonst ruhigen Outfit hinzufügen.

Danke für's lesen. Bis bald.